MARIN Berichte - Meerwasser

ACHILLES UND SOHAL - ZWEI ARTEN AUS DER GATTUNG ACANTHURUS

achil.jpg (15843 Byte) Acanthurus achilles gehört zu den Doktorfischen, auf deren Kauf verzichtet werden sollte, da sie für eine Pflege im Aquarium ungeeignet sind.

 

TEXT UND FOTOS: JOACHIM FRISCHE

 ACANTHURUS ACHILLES

Die Familie Acanthuridae umfasst eine Reihe von Gattungen, deren Attraktivität und Nutzen gemeinsam gesehen, kaum Konkurrenz zu befürchten hat. Nutzen in der Art, daß Gattungen dieser Familie Aquarien von unerwünschtem Grünzeug weitestgehend frei halten. Leider werden aber häufig höher entwickelte Arten als Nahrung bevorzugt, die eigentlich zu "Dekorationszwecken" Verwendung finden sollten.

Die Attraktivität wird meinem Empfinden nach durch die Farbenpracht der meisten Vertreter aus der Familie Acanthridae bestimmt.

Wohl zu den schönsten Doktorfischen dürfte der aus Hawaii häufig importierte Acanthurus achilles gehören. Nicht nur dem Schönsten, nach meiner Erfahrung, auch dem empfindlichsten Doktorfisch sehen wir uns hier gegenüber, dessen Populärname auch Rotschwanz-Doktorfisch oder einfach "Achilles" lautet.

Der bis etwa 18 cm groß werdende Achilles ist um die Atolle im tropischen Zentrum von Hawaii in Schulverbänden von 30 bis 40 Individuen anzutreffen. Hier vornehmlich in Brandungszonen und Stromschnellen. Wie alle Doktorfische ist auch der Rotschwanz-Doktorfisch ein Weidegänger. Er hält die Algen in den Riffen kurz, was den dort sessil lebenden Tieren nur von Nutzen sein kann.

 

 

achill.jpg (15303 Byte) Acanthurus achilles reagiert im Riff-aquarium sehr empfindlich auf Nesselgifte der Indopazifischen Blumentiere. Der Grund ist unbekannt.

 

Wie schon erwähnt, ist Acanthurus achilles, übrigends 1803 von Shaw erstmalig unter diesem Namen beschrieben, alles andere als ein einfach zu pflegender Aquarienbewohner. Deshalb möchte ich dem Anfänger unter den Lesern unbedingt vor unüberlegtem Handeln warnen. Wahrscheinlich dürfte sich schnell ein Schlucken einstellen, wenn der Händler den Preis des Fisches zum Besten gibt.

Wie oben erwähnt, ist Acanthurus achilles im Habitat in Schulen anzutreffen ist. Diesbezüglich ergeben sich im Aquarium echte Schwierigkeiten mit der Realisierung einer Gruppe, denn Acanthurus achilles ist, wie die meisten seiner Gattungsverwandten, gegenüber gleichartigen nicht zimperlich. In Aquarien ab 700 Litern Inhalt allerdings, kann es durchaus gewagt werden, zwei dieser Tiere gleichzeitig einzusetzen. Ich hatte damit zufriedenstellenden Erfolg.

Daß Händler in kleinen Aquarien mehrere Exemplare zwischenhältern, sollte keine Zweifel aufkommen lassen. Denn die Erfahrung hat gelehrt, daß die Fische im heimischen Aquarium sich in kürzester Zeit in bester Gesundheit und Gemütsstimmung befinden, anders als in den karg eingerichteten Verkaufsaquarien der Händler, und sodann Jagd auf andere Artgenossen machen. Dies wiederum dürfte freilich nicht im Sinne des Pflegers sein.

Der Grund, weshalb die meisten Doktorfische im Riff in großen Schulen vorkommen, im Aquarium gegen Artgenossen jedoch überaus aggressiv sind, liegt zu einem gewissen Grad an dem zur Verfügung stehenden Raum. Im natürlichen Lebensraum bewahren die Mitglieder einer Schule untereinander eine Art Sicherheitsabstand von 80 bis 100 cm. Dieser Sicherheitsabstand kann in großen Aquarien bei Exemplaren einer Art noch bewerkstelligt werden. Bei einer größeren Anzahl allerdings wird es schwierig.

Noch eines sollte beachtet werden: Ist es erfolgreich gelungen, Acanthurus achilles im Aquarium einzugewöhnen, darf der Gedanke an einen anderen Doktorfisch nicht umgekehrt werden. Meiner Erfahrung nach sind erst einmal eingewöhnte Doktorfische aus der Gattung Acanthurus ganz und gar nicht gut auf andere Gattungsmitglieder zu sprechen. Dieser Unmut gegen den "Neuen" kann bis zu dessen Tod führen.

Wer den Rotschwanz-Doktorfisch in seinem heimischen "Miniozean" pflegen möchte, der achte darauf, daß vor dem Einsatz der Fische eine ausreichende Menge an Algen aus der Gattung Caulerpa zur Verfügung steht. Grundvoraussetzung für die Pflege dieser Art, ist eine hervorragende Wasserqualität. Vor allem die Phosphat- und Nitratwerte sollten gegen Null gehen.

Wasserparameter wie Ammoniak, Nitrit, die Dichte, die Temperatur und den pH-Wert gilt es ebenfalls ständig im Auge zu behalten. Stimmen diese Werte nicht, reagiert der Achilles in kürzester Zeit mit Schleimhautablösungen und weißen stecknadelkopf großen Punkten. Aber auch die Ausgangskondition von Acanthurus achilles muß gut sein, soll der Fisch eine dauerhafte Überlebenschance im Aquarium haben. Man darf nicht vergessen, welche Flugzeiten diese Tiere zurückgelegt haben, bis sie bei uns in die Verkaufsanlage gelangen. In dieser Zeit werden die Rotschwanz-Doktorfische harten Strapazen ausgesetzt und erhalten zumeist keine Nahrung.

 

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Gelegentlich gelingt die Pflege von Acanthurus achilles im Riffaquarium - man sollte sich von diesen seltenen Ausnahmen aber nicht beirren lassen - dieser Fisch wird im Aquarium nicht alt!

 

Aber auch der Händler hat oft seine Schwierigkeiten mit diesem Doktorfisch, denn die Aufnahme von Ersatznahrung erfolgt nur zögerlich.

Erstaunlicher Weise eignen sich die Rotschwanz-Doktorfische nicht für das Leben im Riffaquarium, in dem indopazifische Blumentiere gepflegt werden. Dies mag wohl an den Nesselgiften dieser Korallen liegen, die offenbar die Schleimhaut von Acanthurus achilles schädigen und damit die Empfänglichkeit für Ektoparsiten erheblich steigern.

Lediglich die erfolgreiche Vergesellschaftung mit Steinkorallen konnte ich des Öfteren beobachten. Zufall oder verträgt dieser Doktorfisch die Nesselgifte der Steinkorallen wirklich besser? Weitere Beobachtungen und schriftliche Mitteilungen anderer Aquarianer zu diesem Thema könnten weitere Aufklärung bringen. Deshalb mein Aufruf an dieser Stelle - um eine email zu diesem Thema wäre ich dankbar!

Zurück zu Acanthurus achilles, dessen Gesundheitszustand sich an der Färbung des Tieres erkennen läßt. Ist der Fisch nicht kräftig schwarz gefärbt und geht die Färbung dagegen mehr in ein grau-blau, ist Unwohlsein wahrscheinlich und ein Erwerb ist gründlich zu überlegen. Allerdings ist hier eine Ausnahme anzuführen: Genannte Färbung ist bei Achilles auch dann zu beobachten, wenn Putzerfische emsig damit beschäftig sind, den Fisch von Parasiten und Hautresten zu befreien. Die Farbveränderung bietet dem Putzerfisch offensichtlich eine bessere Möglichkeit der Parasitenerkennung.

Das Acanthurus achilles - zumindest einzelne Exemplare - es "Faustdick" hinter den Ohren haben, soll die folgende kleine Geschichte belegen.

Als ich vor Jahren meinen ersten Achilles sah, wuchs in mir der unbändige Wunsch diesen Doktorfisch erwerben zu müssen. Der Fisch war in einer ausgezeichneten Verfassung und so leerte sich denn mein Geldbeutel mehr, als ich eigentlich beabsichtigt hatte.

Zu Hause angekommen, wunderte ich mich schon während der Eingewöhnungsphase darüber, daß das Tier teilnahmslos auf dem Boden des Eimers lag. Ein offensichtlich schlechtes Zeichen! Unverständlich, betrug doch die Entfernung von meinem Händler zu mir nach Hause nur knapp 10 Autominuten. Auch nach dem Einsatz ins Aquarium änderte sich die Situation keineswegs. Der Fisch sank zu boden und blieb dort liegen. Vielleicht waren die Strapazen des Fangs aus dem Hädnleraquarium Schuld an dieser offensichtlichen Misere? Meine anfänglich gute Laune wich mehr und mehr einer Art Wehklagen. Nur allzu deutlich hörte ich schon die Stimme der Vernunft in meinen Ohren bezüglich der hohen Kosten.

Um die Situation etwas zu mildern lehnte ich das Tier an einen Dekorationsgegenstand. Dies ließ er auch ohne zu mucken mit sich machen. So täuschte ich einen erschöpften Fisch vor, dem zugleich das Atmen leichter viel.

Leider lies sich der erhoffte Effekt nur kurzzeitig erzielen. Als ich meiner Frau so richtig ausführlich erklärte, daß der angelehnte Fisch dies nur tat, weil Fang und Transport zu anstrengend gewesen sind, und außerdem die neue Umgebung und so weiter..... kippte der Fisch langsam aber unaufhaltsam zur Seite. Das befürchtete Donnerwetter erfolgte denn auch auf der Stelle.

Ach ja, wir Meerwasseraquarianer haben es schon manches Mal schwer, das erhoffte Mitgefühl und Verständnis zu erhalten.

Am folgenden Tag hatte sich die Situation eigentlich nur dahingehend verändert, daß der Doktorfisch an einer anderen Stelle wieder zu finden war. Die Atmung war ruhig, aber ein Zeichen der Nahrungsaufnahme und Fortbewegung mittels Flossenschlägen in für Fische üblicher Art war nicht zu erkennen. Dies blieb auch in den nächsten Tagen so. Sehr viel Zeit verbrachte ich vor dem Aquarium, immer Hände ringend flehend, der Achilles möge doch nun endlich seiner normalen Lebensweise nachgehen. Schwimmen, Fressen und Algen zupfen.

Eine Woche war vergangen. Alles beim alten. So allmählich fand ich mich damit ab, daß ich den Achilles wohl verlieren würde.

Das Unwetter hatte sich inzwischen gelegt. Um mich ein wenig abzulenken, nutzte meine Frau die Gelegenheit und verwies auf einen kleinen Spaziergang. Gerade wollte ich die Tür hinter mir ins Schloß fallen lassen, da viel mir ein, daß ich noch etwas vergessen hatte. Ich kehrte um, und schritt ins Wohnzimmer. Wie angewurzelt verharrte ich im Türrahmen! Da schwamm doch tatsächlich mein fast tot geglaubter Achilles putzmunter durchs Aquarium und ernährte sich gerade eifrig von Caulerpaspitzen. Was war das? Einen Schrei der Verzückung konnte ich nicht unterdrücken. Ich stürzte auf das Aquarium zu, und - ich traute meinen Augen nicht - der Achilles legte sich wieder hin und spielte den sterbenden. So war das also!

Ich reichte etwas Futter und entschwand aus dem Wohnzimmer um mich hinter dem Türrahmen auf die Lauer zu legen. In dem Glauben, er sei unbeobachtet, stürzte der Rotschwanz-Doktorfisch auf das angebotene Futter. Er war zu meiner Erleichterung entlarvt! Zwei Tage später war das Theater vorbei. Von nun an bewegte sich der Fisch so, wie es für Fisch nun einmal üblich ist, schwimmend.

Eine unglaubliche Geschichte, die mit Sicherheit kein Aquarianerlatein ist, auch wenn es etwas unglaubwürdig klingen mag. Es sei erwähnt, daß dieses Aquarium kein Riffaquarium war, sondern ein künstlicher Lebensraum, der reichhaltig mit höheren Algen bewachsen war. Blumentiere fehlten in diesem Aquarium.

 

sohal.jpg (32936 Byte) Acanthurus sohal lebt endemisch im Roten Meer und kann bis zu 50cm Körperlänge erreichen

 

ACANTHURUS SOHAL

Einer der ebenfalls recht teuren Doktorfische ist der aus dem Roten Meer stammende Acanthurus sohal. Manch Aquarianer nennt ihn den Acanthurus lineatus aus dem Roten Meer, was zeigt, daß die Ähnlichkeit dieser Arten phrapierend ist, was auf den Preis allerdings nicht zutrifft. Acanthurus sohal ist gut 3 bis 4 mal so teuer wie Acanthurus lineatus. Spätestens hier ist eine Verwechslung ausgeschlossen.

Acanthurus sohal, 1775 von Forskal beschrieben, wird der deutsche Trivialname Rotmeer Streifen-Doktorfisch zuteil. Meistens wird er jedoch mit seinem wissenschaftlichen Artnamen Sohal tituliert.

Der im natürlichen Lebensraum bis 50 cm groß werdende Doktorfisch lebt in Schulen auf den Korallenriffdächern, wo er sich, wie kann es anders sein, vornehmlich von Algen ernährt. Nach Abel 1960 werden auf den Riffdächern die tafelförmig wachsenden Korallenformationen der Art Acropora corymbosa und Acropora pharaonis als Aufenthaltsort bevorzugt.

Übrigends - wem es noch nicht bekannt sein sollte, Acanthurus sohal kommt, wie viele Vertreter des Roten Meeres, hier endemisch vor.

Die Pflege im Aquarium gestaltet sich nicht so schwierig, wie es bei der zuvor beschriebenen Art der Fall war. Daß sie allerdings in die Gruppierung "einfach" gehört, möchte ich als falsch bewerten. Auch diese Art reagiert empfindlich auf Verschlechterung genannter Wasserwerte.

 

soha.jpg (24692 Byte) Acanthurus sohal gehört zu den gut zu pflegenden Doktorfischen, die leider sehr aggressiv werden.

 

Wie schon die Größe folgern läßt, sind große Aquarien für die Pflege Grundvoraus-setzung. Gut geeignet sind langgestreckte Aquarien, da der Sohal, wie alle Doktor-fische, sehr schwimmfreudig ist. Der Einsatz zweier Tiere kann auch hier nur in sehr großen Aquarien ab etwa 800 Litern Inhalt erfolgen. So jedenfalls nach meiner Erfahrung. Zudem ist es ratsam, die Tiere gleichzeitig einzusetzen. Auf die Pflege von Acanthurus lineatus muß verzichtet werden, da sich die beiden Arten ihrer Ähnlichkeit wegen nicht verstehen. Auch der Zusatz anderer Doktorfische sollte unterlassen werden, da man nie vorhersagen kann, wie der Rote Meer - Doktorfisch reagiert. Neben der pflanzlichen Kost die für Verdauung und Wohlbefinden unerläßlich ist, nimmt Acanthurus sohal auch das im Handel erhältlich Frostfutter mit steigender Begeisterung an.

Auffallend in einem Riffaquarium ist, daß sich diese Art mit Weich- und Lederkorallen nicht verträgt. Im Laufe der Pflege ist immer wieder zu beobachten, daß diese Blumen-tiere verstärkt den Attacken des Sohal ausgeliefert sind. Auch Muscheln zählen gelegentlich zu den Opfern, während Steinkorallen unbehelligt bleiben.

So bleiben eigentlich beide genannten Doktorfische den Fischaquarien vorbehalten.

Trotzdem möchte ich abschließend von der Pflege beider Doktorfischarten abraten. Der eine ist viel zu empfindlich und der andere zu aggressiv und wird zu groß.

 

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Ein Jungtier

Zudem brauchen die Sohal sehr große Aquarien, da es ausgiebige Schwimmer sind.

 

 

Es gibt so viele schöne farbenprächtige und kleinbleibende Doktorfische aus der Familie Acanthuridae, daß auf die Pflege der hier vorgestellten Acanthuriden durchaus verzichtet werden kann.

 

LITERATURVERZEICHNIS

Abel, E.F. - Zur Kenntnis des Verhaltens und der Ökologie von Fischen an Korallenriffen bei Ghardaqa (Rotes Meer); Zeitschrift für Morphologie und Ökologie der Tiere 49: 430-503; 1960

BAENSCH, Hans A. und DEBELIUS, Helmut - Meerwasser Atlas; MERGUS VERLAG 1992 1207 Seiten

CHLUPATY, Peter - Die Doktorfische ( 1 ) Interessante Fische für das Meerwasseraquarium; Tetra International Nr. 98 April 1990 Seite 28 - 32

CHLUPATY, Peter - Die Doktorfische ( 2 ); Tetra International Nr. 101 Oktober 1990 Seite 25 - 27

CHLUPATY, Peter - Die Doktorfische ( Schluß ); Tetra International Nr. 103 Februar 1991 Seite 22 - 26

DAKIN, Nick - Das Meerwasser-Aquarium; BLV Verlagsgesellschaft, 1997 208 Seiten

de GRAAF, Frank - Das Tropische Meerwasseraquarium; VERLAG NEUMANN - NEUDAMM 1988 316 Seiten

FENNER, Robert - Acanthurus sohal The best Tang?; TROPICAL FISH HOBBYIST 45. Jahrgang July 1997 Seite 50 - 57

FRISCHE, Joachim - Praxis Meerwasseraquarium; LANDBUCH VERLAG , 1997 118 Seiten

FRISCHE, Joachim - Das Riff - Aquarium; TETRA VERLAG 1992 192 Seiten

LUTY, André - Doktorfische; Sonderausgabe der Vereinigung der Meerwasseraquarianer e.V. " V.D.M.-Kurier Spezial" 2/96

SPIES, Günter - Die " Superscharfen " aus dem Salzwasser Doktor- oder Chirurgenfische; Tetra International Nr. 84 Dezember 1987 Seite 25 - 26

STRATTON, Richard F. - The Achilles Tang; TROPICAL FISH HOBBYIST 38. Jahrgang January 1989 Seite 82 - 84

 

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© Achim Weber 2003