MARIN Berichte - Meerwasser

Wo Väter Kinder kriegen

Die verkehrte Welt der Seepferdchen

Text: Peter Hoffmann; Fotos: Hilmar Hansen 

Sie besitzen einen Greifschwanz wie Affen, einen Panzer wie Insekten, in verschiedene Richtungen blickende Augen wie ein Chamäleon - und doch sind die Seepferdchen, deren Kopf so frappierend an die Figur des Springers beim Schachspiel erinnert, Fische. Das Kurioseste an ihnen aber ist ihr Fortpflanzungsverhalten.

Die Eigentümlichkeiten des Fortpflanzungsverhaltens beginnen schon während der Werbung: Bei den Seepferdchen geht die Initiative zur Liebe nämlich vom Weibchen aus. Zarte Klicklaute ausstoßend (von wegen, stumm wie ein Fisch im Wasser), nähert es sich dem auserwählten Männchen. Hat es schließlich den Auserkorenen erreicht, fesselt es ihn mit dem Greifschwanz an sich. Was danach passiert, ist einzigartig im Tierreich. Mutter Seepferd stopft dem werdenden Vater ungeniert sämtliche Eier - es können bis zu 200 sein - in eine spezielle Bauchtasche. Damit hat er allein für den Nachwuchs zu sorgen, während sie völlig unbeschwert ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen kann - eine ungewöhnliche Erscheinung in der Tierwelt, wie sie sonst noch bei den Seenadeln - nahen Verwandten der Seepferdchen - beobachtet wird.

Allmählich überzieht sich die Innenwand des väterlichen "Känguruhbeutels" mit einer schwammigen Schicht, die die ausschlüpfenden Embryonen mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Gleichzeitig wird Kohlendioxid entfernt - gerade so wie bei der Plazenta höherer Säugetiere. Mit fortschreitendem Wachstum der kleinen Seepferdchen wird der Bauch des Männchens dicker und dicker, bis nach rund vier Wochen das freudige Ereignis seinen Lauf nimmt. Wenn die "Wehen" einsetzen, verankert sich der werdende Vater mit seinem Greifschwanz an Tang oder Seegras. Nun kann die Geburt beginnen. Das Tier pumpt und preßt den Bauch. Oft dauert es aber noch ein bis zwei Tage, bis das erste Kind, eine nur wenige Millimeter große Miniaturkopie der Eltern, gleich einem Sektkorken aus der engen Öffnung herausgeschossen kommt. Sofort wird es von der wie ein Propeller schlagenden Afterflosse des Männchens davongewirbelt - auf Nimmerwiedersehen, denn mit der Geburt enden die Vaterpflichten.

 

hudsoni.jpg (14568 Byte) Bei Seepferdchen, hier wahrscheinlich Hippocampus hudsonius, stopft das kleinere und auffälliger gefärbte Weibchen seine Eier ungeniert in die Bruttasche des Männchens.

Zunächst aber müssen noch die übrigen Geschwister "entbunden" werden. Nach einer Ruhepause von rund einer Viertelstunde beginnt das Männchen erneut zu pumpen und preßt unter gleichen Kraftanstrengungen sein zweites Kind ans Tageslicht. Zu seinem Glück öffnet sich der Beutel immer weiter, so daß die Jungen ab Nummer 40-50 paarweise und schließlich in Trupps von 10-20 zur Welt kommen. Dennoch ist die Anstrengung so groß, daß das Männchen manchmal noch während oder kurz nach der Geburt stirbt. Auch in der Bruttasche abgestorbene Junge, die dann natürlich nicht ausschlüpfen können, bedeuten den Tod des Männchens, denn die entstehenden Fäulnisgase drücken das ballonähnlich aufgetriebene Tier an die Wasseroberfläche, wo es in freier Wildbahn unweigerlich stirbt, wenn es nicht schon vorher von Raubfischen gefressen worden ist. Im Aquarium kann man dagegen das Seepferdchen unter Umständen retten, indem man vorsichtig die Bruttasche öffnet und dann behutsam die Gase aus dem Beutel preßt. Eine ähnliche Komplikation kann übrigens eintreten, wenn die Tiere zum sogenannten Balzpumpen ihren Beutel mit Wasser füllen. Tun sie dies unglücklicherweise in der Nähe des Ausströmers oder halten sich gar daran fest, können leicht eine oder mehrere Luftblasen in die Bruttasche gelangen. Besonders kleinere Arten werden dann förmlich nach oben gerissen. So aus dem Gleichgewicht gebracht, ist es zunächst einmal mit der Balz vorbei. Ohnehin scheinen im Meer mehr Männchen die Geburt zu überleben als in unseren Aquarien. Es wäre schön, wenn sich dies im Lauf der Zeit noch ändern würde, gerade auch um denen, die gegen Tierhaltung im allgemeinen und die Aquaristik im besonderen sind, "Munition" zu nehmen.

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Männchen von Hippocampus kuda (?)  mit gefüllter Bruttasche von der Seite und von vorne.

 

Trotz aller Strapazen lassen sich Seepferdchenmänner, die den Geburtsvorgang überlebt haben, manchmal schon nach wenigen Tagen mit einem anderen Weibchen ein

Eine neue Frau, ein neues Glück - und erneut Vaterpflichten! Nachdem sie ihn mit ihrem Geklicke bezirzt und an sich gekettet hat, kreisen die beiden in einem mehrere Tage dauernden Verlobungstanz durchs küstennahe Flachwasser. Sobald er dann durch ritualisierte Geburtsbewegungen, das schon angesprochene Balzpumpen, seine Bereitschaft signalisiert, steht einem erneuten reichen Kindersegen nichts mehr im Wege. Ist das letzte Wasser ausgepumpt, stopft sie ihm kurzerhand die Eier zum Befruchten und Pflegen in den Beutel. Wieder darf der Herr Gemahl sich als "graue Maus und Heimchen hinter dem Herd" um den Nachwuchs kümmern, während das viel prächtiger gefärbte Weibchen damit seine Mutterpflichten erfüllt hat. Dafür wird es freilich von Raubfischen, wie den Thunfischen, verschiedenen Krebsen und anderen Jägern viel leichter entdeckt und gefressen als das tarnfarbige Männchen, ein Manko, das die Natur aber bei jeder Geburt ausgleicht, nämlich mit einem kräftigen Weibchenüberschuß!

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Das Männchen nach der "Geburt" der Jungen. Die Bruttasche ist noch weit geöffnet. Zwergseepferdchen, Hippocampus zosterae (?).

 

Merkwürdigerweise ist die am besten zu pflegende Seepferdchenart zugleich auch die kleinste. Das Zwergseepferdchen, Hippocampus zosterae, aus dem Golf von Mexiko mißt ausgewachsen gerade einmal 4 cm. Dennoch ist es unglaublich hart, kann in Wassertemperaturen zwischen 10 und 36 °C überleben und toleriert starke Salzschwankungen. Man kann die Tiere problemlos in bereits stark mit Süßwasser versetztem Brackwasser halten. Leider ist das Zwergseepferdchen extrem kurzlebig. Auch im Meer beträgt die maximale Lebensdauer wohl nur etwa ein Jahr. Bei Temperaturen an die 30 °C dürften zwei Bruten je Monat normal sein, wobei die Eier und die daraus entstehenden Larven rund zehn Tage in der Bruttasche des Männchens verbleiben. Schon nur zwei Tage nach dem Ausschlüpfen der Jungtieren können dann erneut Eier aufgenommen werden - und das neun Monate im Jahr. Lediglich von November bis Januar wird eine Pause eingelegt. Die Jungen, die sehr schnell heranwachsen, sind ihrerseits nach zwei bis drei Monaten geschlechtsreif. Allerdings ist die deponierte Eizahl mitnichten so hoch wie bei anderen Arten, sondern schwankt um 25, wobei 50 Eier ein absolutes Maximum sein dürften. Dennoch wurden die Tiere im Aquarium bereits in mehreren Generationen erfolgreich nachgezüchtet.

Von den größeren Arten sind Hippocampus hudsonius aus dem Atlantik und H. kuda aus dem indo-pazifischen Raum gut im Aquarium zu pflegen. Allerdings sind Paarungen wohl eher selten. Auch das Langschnauzige Seepferdchen, H. guttulatus, und das Kurzschnauzige Seepferdchen, H. brevirostris, gelten als einigermaßen harte Fische. Wie alle Seepferdchen brauchen sie genügend Haltepunkte, an denen sie sich mit ihrem Greifschwanz festhalten können, sowie kleine bis kleinste Schwebenahrung, z. B. Schwebegarnelen (Mysis) oder Salinenkrebschen (Artemia). Manche Tiere fressen auch Weiße Mückenlarven, junge Guppys oder ähnliche Fische, doch ist es sehr schwer, Seepferdchen damit bei guter Kondition zu halten. Plankton ist und bleibt das beste Futter. Kann es in ausreichendem Umfang besorgt werden, ist die Haltung der Tiere gar nicht so problematisch. Man darf sie nur nicht mit zu lebhaften und gefräßigen Arten zusammensetzen. Dann bekommen sie nicht genug zu fressen.

 

Da Seepferdchen nicht in der Lage sind, schnellschwimmend Jagd auf ihre Beute zu machen, haben sie eine besondere Methode des Futterfangs entwickelt, eine Art "Staubsaugerverfahren"

 

Schwimmt ein geeignetes Lebewesen in einigen Zentimetern Entfernung am Röhrenmaul vorbei, so wird es mit einem kräftigen Sog angesaugt und verschluckt. Das geht so schnell, daß ein Beobachter dem Verschwinden der hilflosen Beute unmöglich folgen kann. Auch junge Seepferdchen arbeiten schon so - und das rund zehn Stunden am Tag. Dabei verschwinden dann über 3000 Salinenkrebschen.

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Seepferdchen, hier vermutlich Hippocampus ramulosus, können sich mit ihrem Greifschwanz an geeigneten Substraten festklammern.

Bekannt waren die Seepferdchen schon in uralter Zeit, zunächst einmal wegen ihrer merkwürdigen Gestalt. Der römische Schriftsteller, Naturforscher und Admiral Plinius der Ältere (geb. 23 oder 24 n. Chr.), der in seiner Eigenschaft als Befehlshaber der Flotte von Misenum 79 beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben kam, beschrieb die Tiere unter der Bezeichnung hippus = Pferd. Übrigens nimmt auch heute noch neben der deutschen Bezeichnung der wissenschaftliche Name Bezug auf diese nicht zu leugnende Ähnlichkeit des Kopfes: Hippocampus bedeutet nämlich Pferde-Raupe! Vor allem aber erregten Seepferdchen als angebliche Lieferanten für Arzneien das Interesse der Heilkundigen und Arzneimittelhersteller der Vorzeit. Manche Völker halten es noch heute so! Auch sollen die armen Tierchen Substanzen gegen Haarausfall und Seitenstechen enthalten, zudem gegen Fieber und Schüttelfrost wirken, aber nur, wenn man sie vorher lebend in Rosenöl taucht. Wie dem auch sei, von solcher Verwendung sollte man schon im Interesse des Artenschutzes Abstand nehmen, denn Seepferdchen gehören zu den bedrohtesten Tieren! Das Meerwasser wird immer schmutziger und ihre natürlichen Lebensräume werden zunehmend zerstört. Auch das Leben unter Wasser wird heute mehr und mehr durch uns Menschen beeinflußt und verändert - natürlich nicht zu seinem Vorteil.

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Möglicherweise handelt es sich bei diesem Seepferdchen um Hippocampus hippocampus.

 

Abzulehnen ist der Erwerb von getrockneten Seepferdchen, die in den Andenkenläden entlang der Nordseeküste als "Mitbringsel" angeboten werden

 

Die Tiere stammen ohnehin nicht aus der heimischen See! Meist handelt es sich um das Langschnauzige Seepferdchen, Hippocampus guttulatus, das vom Mittelmeer bis zur südenglischen Küste verbreitet ist. Schon vor Holland sind die Tiere eine Rarität. An den Küsten unserer Seebäder kommen sie so gut wie nie vor. Meist wurden sie in getrocknetem Zustand aus dem Mittelmeer sowie von Südfrankreich eingeführt - getötet zu Andenkenzwecken, was eigentlich viel schlimmer ist als ein Fang, von dem sich irgend jemand Heilung verspricht.

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Schönes, nicht näher identifiziertes Seepferchen mit typisch nach vorne eingerolltem Schwanz.

Für die Tiere zwar unschädlich, aber biologisch völlig falsch, ist übrigens die vielfach beobachtete stilisierte, künstlerische Darstellung mit rückwärts nach hinten abgebogenem Schwanz, so daß eine schöne S-Form entsteht. Diese Schwanzhaltung ist einem ausgewachsenen Tier nicht mehr möglich! Lediglich die in den ersten Wochen nach ihrem Freischwimmen erstaunlich lebhaften Jungfische beobachtet man gelegentlich mit einem halbmondförmigen zum Rücken hin abgebogenen Schwanz. Erwachsene Seepferdchen aber tragen ihren Schwanz nie nach hinten gebogen, auch selten eingerollt. Greifen können sie ohnehin nur in dieser Haltung. Recht einleuchtend ist dagegen die Verwandtschaft von Seepferdchen und Seenadeln. Um aus einer Seenadel ein Seepferdchen zu "machen", bräuchte man nichts weiter, als den Kopf im rechten Winkel zum Körper abzuknicken, die Schwanzflosse verschwinden zu lassen und dem verbleibenden Stiel die Beweglichkeit eines Affenschwanzes zu verleihen. Obwohl die Seepferdchen damit einen gewundenen, die Seenadeln aber einen geraden Verdauungskanal besitzen, geht die Verdauung bei beiden Fischen erstaunlicherweise gleich schnell vonstatten.

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Der Kopf eines Seepferdchens erinnert an die Springerfigur des Schachspiels.

Und Fische, die noch skurriler sind als "normale" Seepferdchen? Man glaubt es kaum, aber die gibt es! Die ebenfalls zur Gruppe der Seepferdchen und Seenadeln zählenden Fetzenfische gehören zu den merkwürdigsten Meerestieren überhaupt. Der große Fetzenfisch, der vor der Küste Australiens lebt, ist so reichlich mit lappenartigen und stacheligen Körperauswüchsen bedeckt, daß man sich schwer tut, überhaupt noch eine "vernünftige" Fischform zu erkennen. Diese abenteuerliche Gestalt ist natürlich eine hervorragende Tarnung. In dichten Tangwiesen kann man die Tiere nur sehr schwer entdecken. Im Gegensatz zu den Seepferdchen und Seenadeln trägt der männliche Fetzenfisch seine Eier nicht in einer Brusttasche, vielmehr heftet sie das Weibchen an der Unterseite seines Schwanzes an. Allerdings wissen wir über diese bemerkenswerten Fische nur wenig, da sie, abgesehen von ihrer hervorragenden Maskierung, auch in öffentlichen Schau- und Forschungsanlagen nur sehr schwer zu halten sind. In den normalen Handel werden sie ohnehin kaum jemals gelangen.

 

Text und Fotos mit freundlicher Genehmigung des Birgit Schmettkamp Verlages

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© Achim Weber 7/98