MARIN Berichte - Meerwasser

Pflege und Vermehrung von Hornkorallen

von Leo Gessert

Die phantastische Unterwasserwelt bietet sowohl in ihrer Artenvielfalt als auch in ihrer Farbenpracht einen überwältigenden Anblick. Besonders die Taucher unter uns gehören zu den Auserwählten, die diesen Anblick der sich in der Strömung wiegenden Weichkorallen, der phantastischen Steinkorallen und vor allem die Farbenvielfalt der Korallenfische von Zeit zu Zeit genießen dürfen. Die meisten kennen diese Welt leider nur aus Film – und Diavorträgen. Es gibt aber ganz Verwegene, die sich einen Teil dieser prächtigen Unterwasserwelt in ihr Wohnzimmer geholt haben. Hierbei gibt es wiederum die verschiedensten Vorlieben, denn es ist nicht möglich, all` die wunderschönen Tiere zu pflegen. Obwohl der Trend besonders in Richtung der Steinkorallen geht, bin ich selbst den Weichkorallen treu geblieben und habe im Laufe der Zeit eine besondere Liebe zu den Hornkorallen entwickelt, über die ich im folgenden berichten möchte.

Gorgonacea – Rindenkorallen, Hornkorallen oder Gorgonien genannt, gibt es in etwa 1200 Arten in vielen unterschiedlichen Farben und Formen. In fast allen warmen Meeren der Welt sind diese wunderschönen und faszinierenden Geschöpfe zu finden. Ungefähr zwei drittel der Arten bewohnen das Litoral ( zum Küstengebiet gehörend ), dringen aber niemals bis ins Brackwasser vor. Über 10 % findet man in Tiefen unter 1000 Meter. Auch unterhalb 3000 Meter hat man noch Hornkorallen gefunden.

Einige Hornkorallen bilden baumartig verzweigte Stöcke mit dicken, starren Zweigen, andere besitzen dünne, peitschenartige und biegsame Fortsetzungen in Buschform oder in einer Ebene wachsende Fächer. Es gibt auch Arten, bei denen sich die Zweige miteinander verbinden und damit praktisch Siebe ausbilden, mit denen sie aus der Strömung die Nahrung – wie mit einem Netz – herausfiltern. Das oft biegsame zentrale Achsenskelett der Gorgonien besteht aus hornartigen Gorgoninfasern ( daher der Name " Hornkoralle " ) mit Kalkeinlagerung ( Skleriten ) und ist von einer Rinde ( daher der Name " Rindenkoralle " ) aus Coenenchym ( Zellgewebe zwischen den Polypenköpfen ), aus der die einzelnen Polypen hervortreten, überzogen. Hornkorallen mit wenig Kalkeinlagerungen in den Gorgoninfasern sind biegsamer und somit weitaus besser für ein Leben in strömungsreichen und bewegten Gewässern geeignet. Die Systematik der Hornkorallen ist etwas kompliziert. Ich möchte hier nur zwei Unterordnungen aufführen : Scleraxonia und Holaxonia.

Bei der Unterordnung Scleraxonia besteht das Achsenskelett aus einzelnen Nadeln ( Spiculae ), die durch Gorgoninfasern lose oder durch Kalkabsonderungen vollständig miteinander verbunden sind. Als Beispiel für diese Unterordnung sei die scharlachrote Corallium rubrum genannt.

Bei der Unterordnung Holaxonia besteht die ganze Stammachse vorwiegend aus biegsamen Gorgoninfasern, zwischen denen Calcit ( Kalkspat ) abgelagert ist. Skelette sind niemals vorhanden. Ein Beispiel für diese Unterordnung ist die in gemäßigten Meeren lebende leuchtend rosafarbene Resedakoralle, Primnoa resedaeformis, deren Polypen sehr dicht um die Zweige der bis zu 25 cm hohen, buschähnlich stark verzweigten Kolonie sitzen. Der bekannte Venusfächer, Rhipiodogorgia flabellum, gehört ebenfalls in diese Unterordnung.

Bringt man einen lebenden Stein aus dem Riff in sein Aquarium ein, hat man nicht nur eine Vielzahl Krustenanemonen und Schwämme, sondern mitunter auch Larven von Gorgonien ins Becken eingebracht. Oftmals bieten die Gorgonien auch anderen Meeresbewohnern Schutz und einen Ruheplatz.

Auch in der Aquaristik wird – und da dürfen wir unsere Augen nicht verschließen – Schindluder mit Gorgonien betrieben.

In den Anfängen der Meerwasseraquaristik wurden oftmals tote Hornkorallen als Dekoration in die Aquarien eingebracht. Es gibt aber leider immer noch Importeure und Händler, die Arten für die Aquaristik anbieten, die nur eine geringe oder überhaupt keine Überlebenschance in einem " normalen " Meerwasser – Aquarium haben.

Hierzu gehören besonders die farbenprächtigsten und die meisten fächerförmig wachsenden Arten wie zum Beispiel Acabaria erythrea, Acabaria sp. Ellisella sp., Villogorgia sp., sowie auch die Subergorgia hicksoni, die schon aufgrund ihrer Größe für die Aquariumhaltung ausscheidet.

Um Überleben zu können, müssen diese Gorgonien förmlich im Futter stehen, d.h., daß ständig eine ausreichende Menge Plankton vorhanden sein muß. Das ist nur in einem Spezialaquarium machbar. Es gibt sicherlich nur einige wenige Meerwasseraquarianer, die sich auf die Pflege dieser empfindlichen Arten spezialisiert haben und nur von solchen Aquarianern sollten sie gepflegt werden.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf die scharlachrote Corallium rubrum eingehen. Hierbei handelt es sich, zumindest was die Farbe anbelangt, um die schönste Hornkoralle in meinem Aquarium. Sie ist von einem dunklen Rot und besitzt in ihrer Rinde schneeweiße Polypen. Sie ist auch die einzige Koralle, welche sich von Plankton ernährt. Womöglich, aber nicht ausschließlich, denn dann wäre sie mit Sicherheit in meinem Riffaquarium schon verhungert. Ich will damit nicht sagen, daß ich meine Tiere nicht ausreichend füttere – nein, Futter bekommen sie schon genug. Wie ich aber vorher schon erwähnt habe, braucht man zur erfolgreichen Haltung empfindlicher Gorgonien ein Artenbecken. In einem normalen Riffaquarium, wie es die meisten von uns sicherlich haben, ist eine gezielte und ausreichende Fütterung nicht möglich. Da die Corallium rubrum ihre Polypen zu allen unterschiedlichen Zeiten öffnet, gebe ich ihr 2x in der Woche gezielt Nahrung, die ich aus lebenden, frisch geschlüpften Artemien, Rädertierchen, Dorswal ( Schwebefutter ) und einem winzigen Stückchen hartgekochtem Eidotter mische. Den Eidotter gebe ich allerdings nur etwa 2x im Monat hinzu. Vorher zerreibe ich ihn zu Brei. Dieses Futter gebe ich gezielt mit einem dünnen Luftschlauch ins Becken, und zwar direkt auf die Koralle. Mit diesen Futtermischungen und – intervallen habe ich gute Erfahrungen gemacht. Was den Siedlungsplatz anbelangt, ist sie schon etwas empfindlicher als andere Gorgonien. So darf sie nur unter dem äußeren Lichtwinkel ( Strahlungsbereich ) des HQI – Strahlers stehen. Direkte Beleuchtung mit einer blauen Röhre ( Philips TLD 36/W 18 ) verträgt sie problemlos.

Sie mag auch keine zu starke oder direkte Strömung. Vorzugsweise liebt sie eine leichte Umströmung, damit sie mit ihren Polypen das vorbeischwebende Futter aufnehmen kann. Die Koralle zeigte sich vier Jahre lang in ihrer ganzen Schönheit, bis während eines Urlaubes fast mein gesamtes Becken einer Hitzewelle zum Opfer fiel.

Eine der Corallium rubrum ganz ähnliche Hornkorallen ist die Euplexaura sp. – oftmals verwechselt mit der Heterogorgia natumani. Sie besitzt ebenfalls einen dunkelroten Stamm, allerdings mit leuchtend gelben Polypen. Der Umfang der einzelnen Äste sowie die Form und Größe der Polypen stimmen mit der Corallium rubrum überein.

Aber ein wesentlicher Unterschied besteht dennoch – die Euplexaura sp. muß nicht gezielt gefüttert werden. Ob sie nun trotzdem feste Nahrungsteilchen aus dem Wasser filtert, konnte ich nicht beobachten. Wahrscheinlich ist, daß sie sich von den Stoffwechselprodukten ihrer symbiotischen Algen ernährt. Auch die Beleuchtung spielt bei ihr eine andere Rolle. Sie kann durchaus im direkten Bereich des HQI – Brenners plaziert werden, allerdings im unteren Drittel des Aquariums. Auch sie befand sich etwa 3 Jahren in meinem Korallenriff – Aquarium. Ihre Polypen öffnete sie ebenfalls zu allen möglichen Zeiten, allerdings nicht nachts. Befreundete Aquarianer haben diese Koralle ebenfalls schon seit langer Zeit und ähnlich gute Erfahrungen mit ihr gemacht. Sie ist auf jeden Fall empfeglenswerter als die Corallium rubrum, die doch mehr Pflegeaufwand braucht.

 Für die gezielte Pflege empfindlicher Hornkorallen eignen sich im besonderen kleinere Aquarien, da dort die gezielte Futterzugabe besser durchzuführen ist. In jedem Fall muß man berücksichtigen, daß Tiere, die einen höheren Nitratwert nicht vertragen, in diesen Becken nichts zu suchen haben.

 Man kann die verschiedenen Arten der Hornkorallen durchaus auch gemeinsam pflegen. Es ist auf jeden Fall darauf zu achten, daß insbesondere die Arten, die nicht in Symbiose mit Zooxanthellen leben, besonders empfindlich auf Fadenalgen reagieren. Sie haben kaum die Möglichkeit, diese von ihrem Gewebe zu entfernen.

 Es gibt aber eine Anzahl im Aquarium ziemlich gut haltbarer Gorgonien, von denen ich einige Arten schon längere Zeit pflege und zum Teil auch schon vermehrt habe. Dabei handelt es sich, bis auf eine Ausnahme, um Hornkorallen, die mit Zooxanthellen in Symbiose leben. Die Zooxanthellen versorgen die Korallen mit den wichtigsten Nährstoffen, hauptsächlich mit Glyzerin, Zuckerverbindungen und Aminosäuren. Obwohl diese Hornkorallen oft " nur " gelbbraun bis dunkelbraun gefärbt sind, begeistern sie mich doch und sind ausgesprochen interessante Pfleglinge. Auf die von mir gepflegten Arten möchte ich nachfolgend näher eingehen und meine Erfahrungen bezüglich ihrer Pflege wiedergeben.

Ein besonderes schönes Exemplar ist die Plexaurella sp., eine langsam wachsende Hornkoralle, deren Farbe von hell – bis mittelbraun reicht, mit wenigen langen Polypen die von hellbraun bis fast ins gelbliche gefärbt sind. Ich habe einen Ableger dieser Gorgonie vor etwa 2 Jahren von einem Freund bekommen. In den letzten Jahren sieht man gerade diese sehr robuste Art in vielen Aquarien. Sie ernährt sich ausschließlich von den Stoffwechselprodukten ihrer Zooxanthellen.

Ebenfalls problemlos und ausdauernd in der Pflege ist die Plexaurella dichotoma. Hierbei handelt es sich um eine wenig verzweigte Art mit einem Astdurchmesser von 15 – 18 mm. Sie ist dennoch als recht biegsam zu bezeichnen. Unterschiedlich zur Plexaurella sp. stehen ihre Polypen sehr dicht und sind sehr kurz. Man findet sie – wie die meisten der von mir gepflegten Gorgonien – in der Karibik, aber auch im Golf von Mexiko, Kolumbien, Florida, Bahamas, Westindische Inseln usw. Sie fand ihren Platz im direkten Bereich des HQI – Strahlers, allerdings unterhalb einer Pseudopterogorgia sp., zu der ich noch komme. Der Standort schien ihr angenehm. Auch hier herrschte eine wechselnde, jedoch nicht direkte Strömung.

Nachdem sich die Koralle nach drei Monaten gut eingewöhnt hatte, wagte ich es, von einem ihrer fünf zwischen 20 und 28 cm langen Äste ein etwa 8 cm langes Stück abzutrennen. Ich tat dies mit einer Schere. Dabei muß es zu Quetschungen im Bereich der Schnittstelle gekommen sein. Den abgetrennten Ast steckte ich – vorsichtiger als bei der vorher beschriebenen Art – in ein Loch eines lebenden Steines. Die Polypen kamen schon nach einigen Stunden zum Vorschein, bei der Mutterkolonie aber erst nach fünf Tagen. Nach zehn Tagen jedoch viel der Ableger aus dem Loch heraus. Als ich ihn untersuchte, stellte ich an der Schnittstelle Fäulnis fest. Vorsichtig säuberte ich die Schnittstelle und klemmte den Ableger nun zwischen zwei Steinen fest. Ich hoffte, daß die " Wunde " so umströmt, von weiterer Fäulnis verschont blieb. Aber auch dies half nicht. Nach zwei weiteren Kürzungen wuchs der Ableger immer noch nicht an, und ich mußte seine Reste entfernen.

Auch bei der Mutterkolonie begann das Coenenchym sich an der Schnittstelle aufzulösen. Das Achsenskelett war schon fast 1 cm freigelegt. Ich entschloß mich, den Ast etwa 2 cm unterhalb der alten Schnittstelle nun mit einem sauberen, scharfen Skalpell durchzutrennen. Der Schnitt durch die Rinde ging recht gut. Beim Durchtrennen des Hornskeletts, das bei dieser Gorgonie etwa 3 mm dick und sehr hart ist, mußte ich allerdings kräftig arbeiten. Diese " Operation " hat die Koralle wahrscheinlich gerettet, denn schon nach einer Woche war die Schnittstelle verheilt. Ich habe es erst zwei Jahre später gewagt, einen Ableger abzutrennen und ihn erfolgreich anzusiedeln. Plexaurella dichotoma wächst im übrigen auch sehr langsam. Sie kann sich bei Berührung versteifen. Sieht man sie sich in der Strömung hin und her bewegen, glaubt man nicht, daß sie wie eine Salzsäule erstarren kann. Auch diese Gorgonie lebt mit Zooxanthellen in Symbiose.

Seit nunmehr 10 Jahren pflege ich eine Pseudopterogorgia sp. Diese hell – bis mittelbraune Gorgonie, stammt ebenfalls aus der Karibik. Am Beispiel dieser Koralle möchte ich eine Art der Vermehrung vorstellen. Es war die erste Hornkoralle, die in mein kleines Wohnzimmerriff " Einzug " hielt. Ich erhielt sie als etwa 8 cm großen Ableger, den ein Freund von seiner fast 50 cm hohen Kolonie abgeschnitten hatte.

Als Standort wählte ich einen Platz in der Mitte des Aquariums, so daß sie sich im direkten Bereich des HQI – Strahlers befand. Ich hielt diesen Platz deshalb für richtig, weil bei meinem Freund die Mutterkolonie ebenfalls direkt unter dem HQI – Strahler wuchs.

Zur Verankerung der Koralle bohrte ich ein kleines Loch von ca. 3 mm Durchmesser in einen Stein. Den Fuß des Ablegers steckte ich in das Loch hinein und keilte ihn, unter Berücksichtigung einer zu erwartenden Wuchshöhe von 50 cm, mit einem kleinen Steinchen ( Korallenbruch ) fest. Ich ging dabei nicht gerade " zärtlich " vor. Ich drückte das Steinchen nämlich recht kräftig an, damit sich die Koralle nicht durch Hochziehen ihrer Rinde lösen und später auch nicht umkippen konnte. Es dauerte ziemlich lange, ehe die Koralle ihre erstes Polypen zeigte, und erst nach vier Wochen erschienen sie alle. Vermutlich dauerte es deshalb so lange, weil der Ableger in ein anderes Milieu eingesetzt wurde. Spätere Erfahrungen bestätigen dies.

Gleichzeitig mit dem Erscheinen der Polypen bildete die Koralle einen Fuß aus, der über das Loch und das Steinchen, das ich als Keil benutzt hatte, wuchs. Nach der Ausbildung des Fußes trat für sechs Monate fast ein Wachstumsstillstand ein. Plötzlich aber explodierte das Wachstum. Innerhalb von zehn Monaten wuchs die Koralle auf 30 – 35 cm Höhe heran. Während dieser Wuchsperiode befreite sie sich von alten und abgestorbenen Zooxanthellen durch Häutung in unregelmäßigen Abständen von sechs bis zehn Wochen. Die Koralle hatte die Wasseroberfläche erreicht: Ich entschloß mich, einen 6 cm großen Ast abzuschneiden.

Dazu benutzte ich ein scharfes Skalpell. Mit einer Schere, und sei sie noch so scharf, treten immer Quetschungen auf, die das Tier mitunter erheblich schädigen können.

Den Ableger " pflanzte " ich genau so ein, wie schon beschrieben. Um aber besser hantieren zu können, nahm ich den Ableger kurzzeitig aus dem Wasser heraus, wodurch er nicht geschädigt wurde. Spätere Erfahrungen haben gezeigt, daß diese Gorgonie bis zu zehn Minuten schadlos aus dem Wasser herausgenommen werden kann, trotzdem sollte man es möglichst vermeiden. Nur wenn eine gute Verankerung unter Wasser unmöglich ist, sollte man den Weg ans " Ufer " wählen. Nachdem der Stein samt Ableger wieder im Aquarium untergebracht war, dauerte es keine Stunde, bis der Ableger seine Polypen öffnete. Schon nach 18 Tagen hatte sich ein Fuß gebildet; die Koralle war festgewachsen. Dadurch ermutigt, trennte ich weitere fünf Ableger ab, die ich auf die gleiche Weise ansiedelte. Ich habe sie, nachdem sie festgewachsen waren, an andere Aquarianer weitergegeben. Ein Freund erhielt einen frischen abgetrennten Ast. Er erlebte das gleiche, was ich damit erlebt hatte. Dieser Ableger wuchs erst nach vier Wochen an und öffnete auch dann erst seine Polypen. Ich habe es mir zur Regel gemacht, daß ich Ableger erst in meinem Aquarium anwachsen lasse, bevor ich sie weitergebe. Wenn man einige Punkte beachtet, kann diese Hornkoralle ein ausdauernder und robuster Pflegling im Korallenriff – Aquarium sein. Wichtig ist eine hohe Beleuchtungsstärke, wozu sich ein Standort im direkten Bereich des HQI – Strahlers als günstig erwiesen hat, wechselnde, aber nicht direkte Strömung und ein von Fadenalgen freier Platz.

 Etwas Merkwürdiges ist mir vor etwa 6 Monaten aufgefallen. Die Pseudopterogorgia sp. bildete an verschiedenen Astenden Knoten. Bei näherer Betrachtung konnte ich sehen, daß an diesen Spitzen zwei bis vier Äste zusammengewachsen waren. Dies geschah offensichtlich durch die ständige strömungsbedingte Berührung mit anderen Gorgonien. Diese Äste haben sich – bis auf einen – von dem Muttertier gelöst und zurückgebildet, so daß nur noch an einem Astende diese Knoten zu sehen sind. Inzwischen sehen diese Verwachsungen so aus, als ob die Koralle an diesen Berührungspunkten neue Füße hat ausbilden wollen.

 Alles in allem aber kann man zu der Pseudopterogorgia sp. sagen, daß sie eine der robustesten Gorgonien ist. Sie ist alleine von mir inzwischen über 50 x weitergegeben worden und besiedelt Becken in ganz Deutschland.

 Oftmals kann man beobachten, daß Hornkorallen Verletzungen an ihrer Rinde aufweisen. Mitunter geschieht dies aus uns völlig unerklärlichen Gründen, meist jedoch treten diese Verletzungen durch Vernesselungen oder mechanische Beschädigungen auf.

 Bei der Pseudopterogorgia sp. ist dies durch eine Steinkoralle, und zwar eine Galaxea fascicularis, geschehen. Erstaunlich ist, daß die Pseudopterogorgia sp. oberhalb der verletzten Stellen normal weiter wächst. Auch bei der Pterogorgia citrina kamen Verletzungen des Coenenchyms durch ständiges Kontaktieren mit einer Plexaurella dichotoma zustande. Erst nachdem ich die beiden " Streithähne " auseinander gesetzt hatte, konnte die Pterogorgia citrina ihre Wunden schließen. Dabei fiel mir aber noch etwas anderes auf. Einige Tage lang hatte die Pterogorgia citrina keine Polypen mehr geöffnet. Da mir dies merkwürdig vorkam, untersuchte ich sie unter Zuhilfenahme einer Lupe. Dabei sah ich auf ihrer Rinde mehrere 1,5 – 2 mm kleine Nacktschnecken. Diese hatten auf ihrem Rücken einen " Federbusch " der original wie ein Polyp der Pterogorgia citrina aussah und waren von gleicher Farbe wie die Rinde. Somit waren diese Schnecken bei geöffneten Polypen nicht ausfindig zu machen. Ich nahm die Koralle aus dem Wasser und entfernte alle Nacktschnecken. Befürchtungen, daß diese Schnecken auch andere Gorgonien befallen haben könnten, bewahrheiteten sich nicht. Es scheint sich hierbei um ein Spezies zu handeln, die ausschließlich die Pterogorgia citrina befällt.

 Bei der Dörnchenkoralle kamen die Verletzungen ohne sichtbare Berührung zustande. Sie verheilten auch nur sehr langsam. Auch die Corallium rubrum blieb von Verletzungen nicht verschont, regenerierte sich aber wieder relativ schnell.

 Etwas Besonderes war es aber mit der Plexaurella dichotoma. So wuchsen im Laufe der Zeit – trotz all meiner Hinderungsversuche – die gelben Krustenanemonen Parazoanthus sp. bis an die Plexaurella dichotoma heran. Bis in die Höhe ihrer Reichweite haben die Krustenanemonen das gesamte Coenenchym der Plexaurella dichotoma weggenesselt. Entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen aber wuchs die Gorgonie munter weiter und schaffte es im Laufe der Zeit, ihre verletzte Rinde vollständig zu erneuern. Es liegt die Vermutung nahe, daß sie zwischenzeitlich immun gegen das Nesselgift der Parazoanthus sp. wurde. Heute leben beide in Harmonie nebeneinander.

 Auch andere Gorgonien schafften es in meinem Aquarium stets, Wunden auszuheilen. So auch der Seefächer oder die Netzgorgonie Gorgonia flabellum. Bei ihr treten von Zeit zu Zeit immer wieder stellen auf, an denen sich die Rinde schwarz färbt und ablöst. Binnen weniger Tage hat die Gorgonia flabellum diese Stellen aber wieder mit neuer Rinde geschlossen. Ich habe auch von ihr schon ein kleines Stück mit einer scharfen Schere vorsichtig herausgeschnitten und auf einem Stein angesiedelt. Auch dies ist möglich, denn schon nach kurzer Zeit bildete sich ein kleiner Fuß aus. 

Schwer hat es auch die Eunicella singularis. Wuchs sie anfangs ungehindert bis zur Wasseroberfläche, wird sie heute von einer Acropora – Steinkoralle umwachsen. An diesen Berührungspunkten hat sich die Rinde vollständig abgelöst. Trotzdem wächst die Gorgonie unterhalb und oberhalb der Acropora weiter.

 So bleibt abschließend nur zu sagen, daß es in der Meerwasseraquaristik kaum schönere und vor allem dankbare Pfleglinge gibt, als die von mir beschriebenen Hornkorallen. Ich selbst besitze kein Artenbecken. Derzeit pflege ich viele verschieden Arten von Gorgonien wie z.B. Pterogorgia citrina, Pseudopterogorgia sp., Plexaurella sp., Gorgonia flabellum, Eunicella singulari, Rumphella sp., Pseudopterogorgia americana usw. in meinem Wohnzimmerriff, von denen ich – bis auf eine Ausnahme – schon alle erfolgreich vermehrt habe. Sie wachsen zwischen verschiedenen solitären und hermatypischen Steinkorallen sowie vielen anderen Niederen Tieren. Es ist aber so, daß die Horn – und Weichkorallen das Bild in meinem Aquarium bestimmen. Berücksichtigt man die individuellen Ansprüche der Gorgonien – und die sind nicht sehr hoch ( sieht man von den anfangs erwähnten spezifischen Arten ab ) – sind die Gorgonien sehr ausdauernd und weitestgehend anspruchslos.

 
Anschrift des Verfassers:

Leo Gessert

Am Volkspark 75

10715 Berlin


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