MARIN - Länder & Reisen

Philippinisches Kaleidoskop

© Text und Fotos : Reinhard Redel

Frankfurt - Kuala Lumpur - Kota Kinabalu - Cebu.

Inselparadies Bohol, eine der größten Inseln des philippinischen Archipels.

Nach unendlich scheinender Zeit, befinden wir uns im Landeanflug Auf Bohol, einer der größten Inseln des philippinischen Archipels. Unsere Augen trinken das immer satter werdende Grün der Kokospalmen. Das Inselinnere ist mit dichtem tropischen Regenwald bewachsen. Nach einer Wendeschleife wird die Vielfältigkeit der Küste sichtbar. Schroffe, zerklüftete Steilwände, wechseln sich mit südseeweißen Sandstränden ab. Ein Korallenriff umschließt die ganze Insel. Smaragdgrün leuchtet die Riffplatte aus dem tintigen Blau des Ozeans und läßt unsere Taucherherzen höher schlagen. Kurz darauf verlassen wir schwer bepackt den kleinen Flughafen. Unser Ziel ist ein kleines Ressort, etwa 150 km entfernt.

Die Küstenstraße, die einer Holperpiste gleicht, zieht durch viele kleine Dörfer und erlaubt zumeist den Blick aufs Meer und den Fischern in ihren Auslegerbooten. Vorbei an Bananenplantagen, Ochsenkarren und zahlreichen streunenden Hunden und Katzen erreichen wir schließlich nach mehreren Stunden unser Ziel. Wie ein Garten Eden, eingebettet in üppige Vegetation liegt das Ressort auf einer steilen Felsenklippe, die durch Stufen mit dem Strand verbunden ist. Als Unterkünfte dienen kleine mit Kokoswedeln gedeckte Hütten im fernöstlichen Baustil mit Doppelbett, WC und Dusche. Auch im Restaurant mit Terrasse und die kleine Tauchbasis, sind harmonisch in die Landschaft eingebettet. Überall gegenwärtig sind bunte Vögel, Orchideen und Hibiskusblüten.

Gut ausgeruht, starten wir am nächsten Tag zu unserem ersten Tauchgang. Mit kompletter Ausrüstung und Unterwasserkameras steigen wir die vielen Treppen hinab und sind, als wir den Strand erreichen, völlig in Schweiß gebadet. Das Naß der Lagune bringt dann die ersehnte Kühlung. Wir schnorcheln über die Riffplatte hinaus bis zum " Drop-off ". Schon in der sandigen Lagune treffen wir auf kleine Korallenoasen. An manchen Stellen findet man übergroße, langastige Sinularia-Weichkorallen oder auch dichte Hecken mit der Steinkoralle Seriatopora hystrix und immer wieder große Stichodactyla-Anemonen mit Amphiprion ocellaris. Die Riffplatte ist fast lückenlos mit Pocillopora- und Acropora-Steinkorallen bewachsen. Leider sehen wir auch mehrere der gefürchteten Dornenkronen-Seesterne, deren schneeweiße Fraßspuren aus dem Korallenfeld herausleuchten. Bei näherer Betrachtung wird erkennbar, daß einige Korallenskelette bereits vollkommen mit Fadenalgen bewachsen sind. Noch ein paar Meter und unser Blick fällt in abgrundtiefes Blau. Die Riffwand fällt steil, manchmal überhängend in die Tiefe. Wir lassen die Luft aus dem Jackett, atmen aus und sinken wie im "freien Fall". Die Augen auf die natürliche Mauer gerichtet, bestaunen wir den üppigen Bewuchs. Eine leichte Strömung zieht uns am Riff entlang. In 25 m Tiefe lassen wir Luft ins Jackett und stoppen so den Abstieg. Gut austariert und gegen die Strömung setzen wir unseren Tauchgang fort.

Karettschildkröte.

Stachelmakrelen, Caranx sexfasciatus.

 

Nur selten zuvor haben wir eine derart schöne Riffwand mit seinen unzählig verschiedenartigen Bewohnern gesehen. Vor einer Kulisse aus meterlangen Peitschenkorallen, Gorgonien, roten und gelben Dendronephthya - Weichkorallen stehen Schwärme von Fahnenbarschen und Lyra - Kaiserfischen. Ein Kommen und Gehen auch in den Nischen und Unterhöhlungen der Steilwand. Kaiserfische, Herzogfische, Drachenköpfe, alles dicht an dicht. Im Freiwasser Schwärme von Füsilieren, Schnappern und Stachelmakrelen. Ein Blick aufs Finimeter, mahnt uns zum Aufstieg. Auch eine Karettschildkröte ist auf dem Weg zur Wasseroberfläche und begleitet uns ein Stück. In 8 m Tiefe treffen wir noch auf eine kleine Grotte, deren Wände mit herrlichen Schwämmen und Filigrankorallen bewachsen sind. Durch eine Öffnung fallen Sonnenstrahlen und brechen sich an einem Fledermausfisch. Der unbeschreibliche Anblick erfüllt uns mit Ehrfurcht. Nach einem Sicherheitsstop bei 3 m empfängt uns wieder die pralle Tropensonne.

Sonnenuntergänge in den Tropen gehören zu den elementarsten Augenblicken. Auf dem Meer herrscht emsiges Treiben - immer mehr Auslegerkanus streben aufs offene Meer zum Fischfang. Als die Sonne am Horizont versunken ist, sieht man nur noch die Orientierungslichter der Boote auf schwarz schimmernder See. Die Meeresbrandung, das Zirpen der Zikaden und die Rufe der Geckos begleiten uns ins Reich der Träume.

Die Tage vergehen. Man paßt sich dem Tagesrhytmus der Natur an und legt alle Sorgen und Ängste des streßgeplanten Europäers einfach ab. Doch auch hier herrscht nicht nur heile Welt. An zwei verschiedenen Stellen lassen sich Cyanidfischer ungeniert von uns bei der Arbeit beobachtet. Und auch weit entfernte Detonationen lassen darauf schließen, daß hier nach wie vor mit Dynamit gefischt wird. Warum die Fische alle so scheu sind. Nur mit viel Zeit, Geduld und List gelingen uns brauchbare Unterwasseraufnahmen. Mit den sessilen Lebewesen haben wir es da natürlich leichter, obwohl uns manchmal eine dicke Planktonsuppe oder starke Strömungen auch zu schaffen machen. Von schwarzgebänderten Seeschlangen, die Auf Tuchfühlung an uns herankommen, über die ganze Palette der bunten Korallenfische bis zu Weißspitzenhaien ist uns in diesen Gewässern alles begegnet. Einen Monat vor unserer Ankunft wurden sogar Walhaie gesichtet. Schade - aber man kann ja nicht alles haben.

 

Igelfisch Diodon Sp.

Muräne Gymnothorax undulatus.

 

Unser letzter Tauchgang wird zu einem unvergeßlichen Erlebnis

Die Bootsfahrt dauert etwa 30 Minuten. Das Meer ist unruhig und die Strömung so stark, daß das Schlauchboot nicht bis ans Riff fahren kann. Da wir auf den Tauchgang nicht verzichten wollen, beschließen wir, im Freiwasser abzutauchen und unter Wasser das Riff anzuschwimmen. Eine Rolle rückwärts - und schon sind wir im Drift und unter uns abgrundtiefes Wasser, kein Anhaltspunkt, nur alles blaugrün und trüb. Obwohl wir schon öfter in ähnlichen Situationen waren, beschleicht uns ein mulmiges Gefühl und der Adrenalinspiegel steigt. Wir tauchen auf 20 m ab ( hier ist die Strömung nicht so stark ) und schwimmen nach Kompaß auf das Riff zu. Die Zeit scheint still zu stehen ; es ist nichts zu sehen, nur gähnende Leere. Gedanken an plötzlich aus dem Nichts auftauchende Hochseehaie versucht man einfach zu unterdrücken, obwohl das nicht immer gelingt. Endlich sehen wir durch die dicke Planktonbrühe schemenhaft das Riff. Als wir näher kommen, scheint es ganz schnell an uns vorbei zu ziehen. Die Strömung ist wie ein reißender Fluß. Wir haben das Riff erreicht, aber gegen die Wassermassen können wir nicht ankämpfen.

Der Korallenwächter, Paracirrhites forsteri, auf seinem "Ansitz".

Hammerkoralle, Euphyllia ancora ( Foto : S. Csasa ).

Unsere Tauchmasken müssen wir festhalten, sonst würden sie uns vom Kopf gerissen. Wir machen es uns also bequem und überlassen unsere Körper der Strömung. Es ist einfach gigantisch. Wir fliegen förmlich über die Korallenfelder. Am Anfang dichte Acropora - Bestände, aber dann verändert sich die Unterwasserlandschaft abrupt. Pilz an Pilz, ein riesengroßes, unendlich scheinendes Feld von Sarcophyton - Lederkorallen ; was für ein Film, der da vor unseren Augen abläuft. Unter uns entdecken wir ein kleines Tal, in das wir uns absinken lassen. Hier ist es völlig ruhig, während über unseren Köpfen die Strömung saust, in der die Fische "surfen". Bald stellen wir fest, daß wir uns mitten in einer Putzerstube befinden. Ein Kugelfisch und ein Zackenbarsch stehen einträchtig nebeneinander und lassen die fleißigen Lippfische gewähren, die in Maul und Kiemen und auf der Haut der Kunden ihre Leckerbissen finden. Der Tauchgang geht seinem Ende entgegen. Wir schwimmen höher und schwupp - schon hat uns die Strömung wieder. Knapp unter der Wasseroberfläche blasen wir die Markierungsboje auf, die weit über das Wasser hinausragt. Ein paar Minuten später hören wir den Außenmotor und werden kurz darauf vom Boot aufgelesen.

Schweren Herzens nehmen wir bald darauf Abschied von den Philippinen, die sich uns in fast paradiesischem Zustand präsentiert haben, aber wie lange noch. Schon während unseres Aufenthalts erfuhren wir, daß das Ressort erheblich vergrößert und modernisiert werden soll. Wir haben es glücklicherweise so erlebt, daß es maximal zehn Touristen Platz bot. Und so sollen wir es auch in Erinnerung behalten.

 

Wir sind an der Riffwand. Foto: S. Czasa

 

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© Achim Weber 1998 -2003